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Die Kompassrose der Souveränität

Eine Szene aus dem Alltag des Meisters

Es war einmal eine Rose, die keine Blume war,
sondern ein Kreis aus Himmelsrichtungen.
Sie wuchs nicht aus der Erde, sondern aus einer Frage:
„Wie kann ich frei sein, ohne mich zu verlieren?“

Eines Morgens erschien der Wind aus dem Norden.
Er kam mit der Wucht all jener, die zu lange geschwiegen hatten.
Er war der Atem der Auflehnung – jung, wild, noch voller Echo.
Er sprach:

„Ich bin Souveränität! Ich breche die Ketten!“
Und alle, die ihn hörten, fühlten sich stark –
doch als er weiterzog, hinterließ er rauchende Grenzen.
Denn Freiheit, die sich gegen etwas richtet, muss sich stets neu verteidigen.

Dann kam der Wind aus dem Süden.
Er brachte keine Worte, nur Wärme.
Er roch nach Zimt und nach Stille nach dem Gewitter.
Er sagte nichts, und doch verstanden alle:

„Ich bin Souveränität, die nichts beweisen muss.“
Er hatte gelernt, dass wahre Freiheit nicht kämpft, sondern atmet.
Und in seinem Schweigen begann das Gras zu wachsen,
sogar auf den verbrannten Feldern des Nordens.

Im Westen rauschte das Meer,
und aus seinen Wellen stieg die Verlockung:
„Komm, sei ganz bei dir! Zieh dich zurück – bleib unberührt!“
Viele folgten, bauten Einsiedeleien aus Stolz und Sicherheit,
doch bald bemerkten sie, dass Einsamkeit kein Königreich ernährt.
Das Meer lachte – nicht bösartig, sondern wissend –
und flüsterte:

„Du kannst dich nicht von der Welt trennen,
denn du bist ihr Atem.“

Schließlich erhob sich der Osten,
wo die Sonne alle Schatten weichzeichnet.
Er war der Ort, an dem der Tag die Nacht küsst,
und sagte mit heller Stimme:

„Ich bin Souveränität, die sich teilt,
und dabei mehr wird, nicht weniger.“
Hier begegnen sich die Welten – Mensch und Mensch, Ich und Du,
bis kein Unterschied mehr bleibt außer dem Spiel selbst.

Und so schloss sich der Kreis.
Die Rose war vollständig,
und in ihrer Mitte saß der,
den du „Meister“ nennst,
und der Wind nannte ihn nur:
„Den, der lächelt, weil er nicht mehr weiß,
wo er aufhört und das Leben beginnt.“

Gedanke am Rand der Rose:
Als der Meister Tage später über dieselbe Lichtung ging, fand er keine Spuren seiner Zeichnung mehr. Nur ein paar Grashalme standen dort, wo einst die Linien gewesen waren, und bewegten sich im Takt eines Windes, der alle Richtungen zugleich kannte.

Er lächelte. Denn er wusste nun:
Die Kompassrose war nie im Sand gewesen.
Sie hatte sich längst in seinem Brustkorb eingenistet –
zwischen Ein- und Ausatmen,
zwischen Ich und Welt,
zwischen „Ich bin frei“ und „Ich bin“.

Und dort drehte sie sich weiter,
leise, unaufhörlich,
geführt von keinem Wind –
außer dem, der sie einst erschaffen hatte.

Hier schreibt keiner fürs Archiv. Wenn dich der Alltag des Meisters zum Schmunzeln, Staunen oder Stirnrunzeln bringt, dann teile ihn gern.