Der Mann im Zwischenraum
Eine Miniatur über die kleinen Bühnen der Menschen
Es begann an einem ganz gewöhnlichen Donnerstagnachmittag,
als ich bemerkte, wie mein Körper sich leise an die Stuhllehne schmiegte.
Nicht aus Angst, sondern aus dieser merkwürdigen Mischung
aus Zuneigung und hellwacher Skepsis.
Ich saß im Raum,
und um mich herum spielte sich eine kleine Parade menschlicher Bühnen ab.
Da war die Diskursfreudige,
die mit Worten Funken schlug
und vermutlich dachte, sie bringe damit Sachlichkeit ins Spiel.
Ihre Stimme klang, als wolle sie den Himmel davon überzeugen,
dass er die Welt nochmal durchrechnen müsse.
Und da war der Zarte im Sturm,
unsichtbar heute, aber präsent wie eine Erinnerung,
die am Kühlschrank klebt und sich weigert abzufallen.
Er hatte einmal über Magenschmerzen gesprochen,
als seien Gefühle kleine Tiere,
die man nicht richtig füttert.
Ich beobachtete beide –
nicht aus Überlegenheit,
sondern aus dieser seltsamen Art von Fürsorge,
die entsteht, wenn man weiß:
In jedem Drama steckt ein Schutzengel,
der überfordert wurde.
Die Diskursfreudige behandelte jede Grenze wie ein Rätsel,
das nur sie lösen könne.
Der Zarte im Sturm spürte Grenzen wie Falltüren.
Und zwischendrin die Gastgeberin,
die versuchte, aus all dem ein Ensemble zu machen,
und dabei manchmal vergaß,
dass sie selbst kein Teil der Manege sein muss.
Ich saß da, atmete,
und hörte meinen inneren Zeugen leise sagen:
„Mach’s dir bequem.
Hier wird niemand gefährlich.
Die Menschen rühren nur in ihrem eigenen Suppentopf.“
Und so wurde mir bewusst:
Die histrionischen Dynamiken waren keine Katastrophen,
keine Störungen,
keine Gefährdungen.
Eher wie Windböen,
die sich wichtig nehmen,
aber niemanden wegtragen,
wenn man die Füße still hält.
Ich musste schmunzeln.
Denn jedes Mal, wenn jemand zu laut wurde,
lauschte ich der alten Verwechslung in mir:
der Idee, ich müsse mich mitbewegen,
mitreden,
mitversöhnen,
mitberuhigen.
Aber mein innerer Zeuge
hatte längst beschlossen,
keine Requisiten mehr von fremden Bühnen anzunehmen.
Also blieb ich einfach sitzen.
Klar, warm, unbeeindruckt.
Und plötzlich wirkte alles ganz menschlich.
So menschlich, dass ich beinahe gerührt war
von der Ehrlichkeit hinter all dem Theater.
Am Ende des Tages dachte ich:
Nicht das Glänzen sucht Berührung –
sondern der Wunsch, gehalten zu werden.
Und ich,
der Mann im Zwischenraum,
halte immerhin so gut,
dass mich niemand mehr vom Stuhl zieht.