Die Vorteilsübersetzung
Eine Szene aus dem Alltag des Meisters
Der Meister kannte das Wort noch
aus seiner Zeit im Amt.
Vorteilsübersetzung.
Es gehörte zu jenen Wörtern,
die vermutlich niemals
auf der Straße geboren worden wären.
Wenn eine neue Weisung kam,
die den Menschen etwas erschwerte,
entzog oder schlicht gegen den Strich bürstete,
bestand die Aufgabe nicht unbedingt darin,
dies zu leugnen.
Man musste es nur übersetzen.
Aus einer Einschränkung wurde eine Vereinfachung.
Aus zusätzlichem Aufwand eine neue Möglichkeit.
Aus einer Verpflichtung ein Angebot.
Der Meister
hatte diese Sprache jahrelang gesprochen
und war darin gar nicht schlecht gewesen.
Nun las er,
Geschäfte sollten künftig verpflichtet werden,
digitales Bezahlen anzubieten.
Wahlfreiheit, hieß es.
Er hielt inne.
Dann erinnerte er sich an die Vorteilsübersetzung.
Natürlich.
Wenn der Bäcker verpflichtet wird,
mir Kartenzahlung anzubieten,
wächst meine Wahlfreiheit.
Seine vermutlich weniger.
Man muss nur darauf achten,
aus welcher Richtung man auf die Freiheit schaut.
Der Meister legte das Handy beiseite
und war für einen Augenblick recht zufrieden
mit seiner Entlarvung.
Dann fiel ihm ein,
dass er selbst Vorteilsübersetzung betrieb.
Ein verpasster Zug konnte ihm
einen unverhofften Spaziergang bescheren.
Ein Umweg eine Straße zeigen,
die er sonst nie gesehen hätte.
Und manches,
was zunächst gründlich danebenging,
hatte er später sogar eine glückliche Fügung genannt.
War das nun dieselbe Sache?
Er betrachtete die Angelegenheit eine Weile.
Dann musste er lachen.
Nun hatte er ausgerechnet der Vorteilsübersetzung
einen Vorteil abgewonnen.
Das war entweder konsequent.
Oder ein ernstes Problem.