Der Grenzpfosten mitten im Weg
Eine Szene aus dem Alltag des Meisters
Zwei Stunden lang saßen sie vor ihm,
wie Ministranten beim falschen Hochamt,
murmelten Beschwörungsformeln,
bliesen sich gegenseitig den abgestandenen Weihrauch ins Gesicht
und warfen dabei Blicke,
als hätten sie heimlich vereinbart,
wer heute den guten Priester und wer den bösen spielen darf.
Aus den Tiefen seiner einstigen Identifikationen hörte er das Mantra:
„Kooperation, Teamgeist, gemeinsame Lösung.“
Sein innerer Psychopathologe notierte nüchtern:
„Akute Kooperations-Überdosierung,
symptomatisch: Zuckungen im Stirnbereich,
Gefahr des Selbstverlusts.
Therapie: Grenzpfosten hinstellen,
daran lehnen und tief atmen.“
So tat er es.
Und während die beiden weiter zauberten,
sah er sein Kooperationsbedürfnis
mit einem Grinsen in die Transzendenz steigen,
wie ein Ballon, der einfach loslässt.
Übrig blieb er,
leicht an seinem Pfosten,
mit einem Hauch von Genugtuung,
gewürzt durch die Karikatur zweier Zauberer,
die sich gegenseitig verhexten
und dabei übersahen,
dass der Meister längst nicht mehr mitspielte.
Im Hintergrund schwang eine verheißungsvolle Ahnung:
Würde ein zweiter Pfosten daneben gesetzt –
von seinem Kollegen, frisch aus dem Urlaub –
dann stünde da eine Linie,
schwer zu übersehen …